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Zur Causa Werenfried van Straaten




„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“, heißt es bei Johannes 8,7. Journalisten und anonyme Gegner haben einen ziemlich dicken Stein auf einen der Großen unserer Zeit geworfen. Werenfried van Straaten machte nie einen Hehl daraus, dass er kein Heiliger war und auch kein Seliger werden wollte. Nach seinem Tod gab es Bemühungen in dieser Richtung, die aber im Sande verliefen. Seit einem wort- und bildreichen, aber von den Fakten her aber eher dünnen Artikel in der „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ vom 11. Februar 2021 wissen wir, warum.

Als ich für „Kirche in Not“ arbeitete, fragte ich Werenfried, warum seine Nähe zum Heiligen Stuhl ihm nicht wie anderen wenigstens einen Prälaten-Titel eingebracht habe. Er wolle sich nicht in die damit verbundenen kirchlich-hierarchischen Abhängigkeiten begeben, entgegnete er. Auch sein eigener Orden sei zwar froh, dass es ihn gibt, aber auch froh, dass es nur einen Werenfried gibt. Werenfried van Straaten war und blieb sein Leben lang Außenseiter, aber ein erfolgreicher.

Pater_Werenfried_van_Staaten 1998

Der Verstorbene hatte Gegner in dem von ihm gegründeten Werk, das ihm zuletzt über den Kopf gewachsen war. Manche nahmen ihm übel, dass er den Pfad der Hilfe für die Ostkirchen gegen weltweite Hilfe verlassen und dafür die Identität des Werks geopfert habe. Andere waren erbost über die Versöhnung mit den orthodoxen Kirchen, die zu Zeiten des Kommunismus mit den Regimen kooperiert und andere Christen erbarmungslos verdrängt hatten. Wieder andere fanden die theologische Fundierung des Werks dünn und die Ansichten Werenfrieds vorkonziliar. Wieder andere kritisierten seine Personalauswahl und haderten mit Umstrukturierungen, die oft zu schmerzhaften Einschnitten führten.

Von faschistoiden Äußerungen, wie sie dem Apostolischen Visitator zu Ohren gekommen sein sollen, kann ich nicht berichten.

Dass Werenfried essfreudig war sah man ihm an. Aber genusssüchtig war er nicht, und betrunken, dass er sich nicht jederzeit im Griff hatte, habe ich ihn nie erlebt. Werenfried kannte die Vorurteile der Schlemmerei und zeigte mir das Büchlein eines ehemaligen belgischen Mitarbeiters, das als persönliche Abrechnung gedacht war und Kopien von Bewirtungsrechnungen enthielt. Seine persönliche Lebensführung war schlicht, wie ich auch von Besuchen in seiner Neuenhainer Wohnung bezeugen kann.

Ich beobachtete Pater Werenfried seit den Fünfzigerjahren, als ich ihn zum ersten Mal in der Oberurseler St. Ursula-Kirche predigen hörte, und wir sind seit Jahrzehnten passive Förderer von Kirche in Not. Während meiner Zeit als Direktor für Information im Internationalen Sekretariat von 1986 bis 1989 arbeitete ich eng mit ihm zusammen, begleitete ihn auf Reisen, schrieb für ihn seinen Bettelbrief „Echo der Liebe“ und lernte die schwierige Balance zwischen den nationalen Empfindlichkeiten der Akteure eines weltweit tätigen kirchlichen Hilfswerks kennen, das in fast allen Ländern, in denen es auftrat, Außenseiter war und von den Päpsten durch direkte Anbindung an den Vatikan schon früh einen besonderen Status erhielt. Der Heilige Stuhl war es auch, der Kirche in Not in die Gegenwart rettete. Johannes Paul II. hatte die Unterstützung des Werks für die polnische Kirche in schwieriger Zeit direkt erfahren. Benedikt XVI. gehörte unter dem Namen Joseph Ratzinger lange zu den Spendern, bevor er als Papst bat, aus der Spenderkartei genommen zu werden, da seine Position keine Fördermitgliedschaften mehr zulasse.

Ich verließ Kirche in Not 1989, weil es mich zurück ins politische Bonn zog. Aber den persönlichen Kontakt habe ich nie verloren und auch Werenfried mehrfach getroffen, und ich war auch bei seiner Beisetzung. Zwischen 2008 und 2009 ging ich noch einmal für ein halbes Jahr in alter Funktion nach Königstein. Dort lernte ich das personelle Vakuum nach Werenfrieds Tod und das Ringen um seine Nachfolge schmerzlich kennen.

Zu keiner Zeit hörte ich von Vorwürfen sexueller Verfehlungen. Ich stelle nicht in Frage, ob es den Vorfall von 1973, der Werenfried van Straaten posthum zum Vorwurf gemacht wird, gegeben haben könnte und dass eine Weiterverfolgung des damals von vielen gewünschten Seligsprechungsprozesses nicht geboten ist. Allerdings wären die Anschuldigungen glaubhafter, wenn der Vater der Beschuldigerin nicht im Streit mit dem Hilfswerk gelegen hätte und die Angriffe auch als familiärer Racheakt gewertet werden könnten.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die Beschuldigungen des angeblichen Tatopfers gegen Pater Werenfried im von „Christ und Welt“ zitierten Original in korrekter Übersetzung auf „versuchten sexuellen Übergriff“ lauten und die Journalisten, die Werenfried gar zum Peiniger" stempelten, und offenbar auch der Visitator daraus „versuchte sexuelle Vergewaltigung“ gemacht haben, was von der Tatschwere her ein Unterschied ist.

Dass die Führung von Kirche in Not nach dem Artikel in der „Christ-und-Welt"-Beilage in einer
Erklärung die Flucht nach vorne angetreten hat, ist verständlich. Allerdings ist es schwer, sich von einem verstorbenen Gründer zu distanzieren, wenn nicht mehr auf dem Tisch liegt als ein bei allem Respekt nicht mehr beweisbares, offenbar einmaliges Vergehen. Förderer in aller Welt sind vor allem durch das Charisma des Gründers zu Kirche in Not gekommen. Das gilt besonders für die deutschsprachigen Länder und Regionen und die Benelux-Staaten. Deren Treue zu Werenfried Werk hängt vom Verhalten von Werenfried Erben ab.

Ein einflussreicher Historiker im Landratsamt sprach in der lokalen
Taunuszeitung mit großer Selbstverständlichkeit vom Entzug der Ehrenbürgerschaft, der Umbenennung eines Platzes, der Umwidmung eines Denkmals, als seien Magistrat und Stadtverordnete seinerzeit einem Straftäter aufgesessen. Sein Vorschlag spielt unbewusst jemandem in die Hände, der sich einen für ihn oder sie günstigsten Zeitpunkt ausgesucht hat, lange zurückliegende Ereignisse um einen prominenten, konservativen, verstorbenen Kleriker in einen aktuellen Kontext zu stellen und medial zu skandalisieren: die berechtigte Empörung über die Art der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs durch den Klerus, die Diskussion um den Werenfried eng verbundenen verstorbenen Kardinal Meissner, den Umgang der katholischen Kirche mit Frauen, die Me-too-Welle. Ein Insider oder eine Isiderin hat Journalisten für die Kirchenbeilage der „Zeit“ einen nur wenigen bekannten, zehn Jahre alten Brief zu einem heute 47 Jahre zurückliegenden, kaum noch überprüfbaren Vorgang zugespielt, offenbar um jemandem zu schaden, sei es Pater Werenfried an seinem Jahrestag, sei es dem Werk, das er hinterlassen hat, sei es Köln, der katholischen Kirche oder allen zusammen. Denkbar sind auch Akte der Wichtigtuerei, der Selbstzerstörung oder geheimdienstlich gelenkter Desinformation. Das Tatopfer wird dabei in einer Weise instrumentalisiert, die sie offenbar selbst nicht gewollt hat.

Soweit ich weiß, hat sich Werenfried nicht um die Ehrenbürgerschaft von Königstein bemüht. Sie wurde ihm kurz vor seinem Tod von Königsteinern angetragen, die seine Verdienste und Schwächen kannten. Magistrat und Stadtverordnete von Königstein sollten sich sehr sorgfältig überlegen, ob die Tatsachen ausreichen, eine der großen Gründerfiguren, Versöhner und Wohltäter der Nachkriegszeit der öffentlichen Ächtung und Entehrung preiszugeben. Darauf habe ich auch in einem
Leserbrief an die Taunuszeitung hingewiesen.

Wenn das geschähe, müssten wir den gleichen unerbittlichen Maßstab der lebenslangen Makellosigkeit an die Namensgeberinnen und Namensgeber unserer Straßen, Plätze, Denkmäler und Gebäude legen. Am Ende blieben uns nur noch Flurnamen oder Ziffern zu deren Umbenennung. Die Listen der Ehrenbürgerinnen und Ehrenbürger wären leer, ihre Gräber nach Ablauf der Liegezeit eingeebnet.

Dr. Christoph Müllerleile, 14. März 2021